Gregg Bordowitz

Hilflosigkeit

Texte zur Kunst, Issue Nr. 68 / December 2007 "Psychoanalyse"
2007

Ein martialischer Aufmarsch mütterlicher Blicke,
Unsere Diskussionen bringen Teile durcheinander.
Wir sprechen als fäkale Aufführung,
Verlacht für unsere kühnen Enthüllungen,
Eine weitere Runde geflüsterter Offenbarungen.

Empfindungen sind Umkehrungen der Verhältnisse,
Form als Materie angeordnet wie diese Verse.
Sind Verhältnisse Empfindungen Zwischenstufen,
Unsere Triebe gefasst im Schwellen der Ellipsen?
Hat Stimmung Bedeutung für die Dauer von Pausen?


Wir atmen unsere Unanständigkeiten hin und her.
Was wir wollen ist zugleich Objekt und Person.
Das Gemeinte selbst das Mittel, es ist gemein,
Seine Anfälle, Verführungen, Launen, Vorwürfe,
Wir sind nicht der Grund unserer Illusionen.


Der Dunst Dung Dampf Teil von uns, empfindsam
Für zweifelhafte Anspielungen – Erfindungen
Das wie wir glauben, nicht was wir glauben
Von verhängnisvoll verknüpften Wahrnehmungen.
Wir trauern und öffnen mit unserer Sehnsucht Gräber


Die Toten sterben wiederholt in unseren Liedern.
Welch Freude liegt in der Morbidität der Melodien!
Wir halten jeden Ton, verlangen nach dem Chor
Summen Singen Stimmen Hymnen
Können Äste nicht aus Sargplanken schneiden.


Und so kommen wir jede Woche schwächlich dankend überein,
Geld an aufgeblasenes Gesicht dem Wissen unterstellt wird
Wie Küsse über dicken Teppichwogen treibend sinken.
Tränen die uns nicht gehören müssen wir anerkennen,
Angebote an belesene Gesichter mit leerem Blick.


Es gibt Regale voll von ihnen, käufliche Heilansätze,
Große Arrangements unserer Wissbegier.
Wenn nur eines Bilder zu verstehen helfen könnte und
Preise für unsere Marathonsitzungen
Nicht bloß durch Interpretation gewinnen.


Sich wie ein Bild fühlen, nicht wie der Rahmen
Nur durch Anregung zufrieden Inhalt sein.
Wissensdurst und Hunger stillen und genug,
Gesättigt sein vom Wort “Instinkt” allein.
Unmöglich es ausführlicher zu erklären.


Lasset uns fragen, Wer braucht mehr Erklärungen?
Denn letztlich ist der Punkt nicht warum,
Sondern wie warum durch Worte zu Empfindungen kommt.
Wie wir zu unseren Worten kommen durch Empfindungen.
Wie Worte kommen...


*


Wie ist Psychoanalyse ein Affekt?
Eine Stimmung bestimmt von Mangel, Taktgefühl
Ein Wettkampf flüchtiger Zuneigungen?
Wie wie Empfindung und auch Glaubensache ist,
Ein Funke geschlagen um Anleitungen zu lesen,


Das heimliche Verlangen nach der Berührung eines Anderen.
Wie ist das, was das zwiespältige Bedürfnis annimmt,
Eine Eigenschaft empirischer Fakten,
Eine einzige hysterische Frage:
Wie Sympathie sich erst durch Berührung entfaltet.


Dies wird durch Reflektion ersichtlich:
Wir fühlen mehr als der Spiegel erwidert,
Unserer Verfassung von langen Armen vorgehalten;
Zwei scheinbar endlose Verlängerungen
Wurzeln in einem allgemeinen Beginn.


Kein Körper mit irgendeinem klaren Geschlecht,
Die Teile aneinandergelehnt als Stöhnen
Von blitzenden Ruten bewegt in sanfter Absicht,
Aber mit Grausamkeit geladen; Wir werden hilflos geboren.
Schwer zu beschreiben, schwer den Ton zu finden.


Ich ist das Problem undIch ist seine Form,
Die Pronomen die all das begleiten,
Die Possessiva die das Ich verbinden mit Worten,
Der Raum zwischen jeder Äußerung,
Ernährende und ihr schmerzvolles Ausbleiben.


Ja in diesem Raum angespannter Aufmerksamkeit lebt
Das Bild besessen als Wahrgenommenes;
Was angeborene Vorstellungskraft beschwört
An keinerlei Materie gebunden
Das Ich das weint muss erst zum Nomen werden;


Und doch wartet Ich in der Ecke, will wissen
Beugt um das Selbst eine Vorahnung
Ein Name gegeben von Ernährenden Lippen zum Saugen;
Sendet Kommunikation wie Gegenwart Geschenke
Dem das nicht geben und noch nicht aufnehmen kann


Kommt und geht, kommt und geht, kommt und geht, atmet
Trinkt im Intervall geschenkter Anwesenheit.
Trinkt und atmet, trinkt und atmet, weint nicht als Sprechakt,
Nicht als Lied, sondern als keimende Gewohnheit.
Ein Leben der Wiederholungen Sinn atmend.


*


Was wir auflesen von psychoanalytischer
Theorie ist das Verstehen dass
Die ganze Welt meine eigene Schöpfung ist und
Nichts davon in mir seinen Ursprung hat
Vergiss, vergiss und vergiss weiterhin.


Ich bin nicht der Ursprung meiner Gefühle
Ich bin nicht der Ursprung meiner Sprache
Ich bin nicht der Ursprung meines Kunstwerks.
Ich bin nicht der Ursprung meiner Ideen.
Ich bin nicht der Ursprung, und dennoch muss ich sein.


Ich muss glauben dass alles mir gehört –
Meins zu machen, Meins zurückzuweisen, Meins zu berühren –
Weil was nicht mein ist nicht da sein kann,
Nicht sein kann wie das was war als Liebe nicht war,
Abwesend, für immer aufgeschoben.


Stimmung ist die Welt, ist des Körpers Komposition,
Ist die einzelne Welt, die eigentliche Fuge der Komposition:
Eine Welt-Körper-Präsenz: ein Zuhause, das Zuhause.
So sicher wie ein Haus wie ein Haus sicher ist,
Aufrechterhalten von schattenhaften Launen.


Seht! eins ist niemals eins sondern mindestens drei,
Ich und du und mehr; wir sind viel mehr als wir.
Seht! Ich bin eine Couch und du bist ein Mixer
Und wir sind das Gemisch zweier Kissen,
Zusammen wie Federn und aufgewirbelte Luft.


Verrückt was? Hat irgendetwas davon Sinn?
Sind wir je unser eignes tragikomisches Ende?
Fragen führen zu mehr unbeantworteten Fragen.
Bin ich ein Körper in Stücken nicht vereint?
Ist derart die Wirklichkeit gemacht?


*


Psychoanalytische Theorie ist:
Ein frommes Bild als Brückengedicht
Schwebend hängend dehnend spannend:
Worte gefangen im Fadenkreuz einer Ansicht;
Verben an ein Brett genadelt von grausamer Wissenschaft;


Mit sich selbst verkeilt; ihre eigene Liturgie;
Gewölbe errichtet; ein Bild geheiligt;
Eine Passage durch über darüber hinaus.
Etwas Bestehendes. Eine große Stadt. Ein Webstuhl.
Hinein hindurch aufwärts abwärts und wieder hinein.


Dasein bedarf keiner Rechtfertigung
Ausgestreckt und überzeugt von der eigenen Existenz;
Sauerstoffversorgte Selbstgenügsamkeit
Geduldiger Patient in schneeweißer Umgebung
Ich bin ich eine ungewollte Verausgabung


Überlegene Vergleiche ziehen aufzeichnen
Im Inventar allen gemalten Verlangens,
Wie meine Darstellung prahlt meisterhafte
Ausführungen von mörderischer Präzision
Ich muss das Bett nie verlassen.


Die Welt kommt zu mir, ich erfinde sie neu
Ich verschlinge sie als Nervenbündel
Ich beflügle jeden Kompromiss
Mit Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe.
So mache ich Bilder um sie an die Wand zu hängen.